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Mitten in Braunschweig, im alten Magniviertel, liegt die Kuhstraße. Doch wer Huftiere erwartet, wird enttäuscht werden. Hier wird nicht gemolken und auch alpine Glockenklänge und das Jodeln vergnügter Sennerinnen sind in dieser Straße unbekannt. Das einzige was, hier jodelt, das ist der Gaumen satter Traditionsgourmets, wenn sie ein Geschäft am Anfang der Straße verlassen.
Neugierig geworden, liest man auf einer Tafel von angebotenen Waren, die man eigentlich nur noch aus Erzählungen älterer Verwandter kennt oder die man während seltener Aufenthalte bei Großmüttern von diesen präsentiert bekam: Graupensuppe mit herzhafter Fleischeinlage am Mittwoch folgt auf gefüllte Paprikaschote am Dienstag. Die Kohlrouladen mit Salzkartoffeln am Freitag kommen hinter den Senfeiern am Donnerstag. Und was am meisten erstaunt, alle Beträge hinter den Gerichten sind einstellig. Die Kuh wird also zur herzhaften Fleischeinlage und man beginnt zu ahnen, wie die Straße zu ihrem Namen kam. Beim Betreten des Geschäftes wird man begrüßt von rot-weiß uniformierten Damen, die sich, umgeben von Großplakaten mit Fleischgerichten in der Vorzugsfarbe rosa, hinter einem voll gepackten Verkaufstresen verschanzt haben. Von den angebotenen Warm-Speisen aber ist weit und breit nichts zu bemerken. Lediglich diverse Gerüche durchstreifen das helle Geschäft.
Nachgefragt, wird man vor die Wahl gestellt die Speisen mitzunehmen oder gleich zu verzehren. Um die eigene Achse gedreht fragt man sich, sollte man sich für die zweite Variante entschieden haben, an welchem Ort dies geschehen soll; der Laden ist zwar angenehm und sauber ausgestaltet, aber irgendwelche Sitzgelegenheiten sind weit und breit nicht in Sicht. Von den Damen als Neuesser erkannt, wird man von diesen auf eine kleine Tür am Ende des Geschäftes gewiesen, die man mutig durchschreitet.
Munteres Geplauder Speisender erfüllt den hell gekachelten Raum, durch eine Panoramascheibe erblickt man vom langen massiven Holztisch aus den Schlachter bei seiner Arbeit. Mittelalterathmosphäre, hygienisch und ästhetisch aufbereitet. Die Mutter des Ganzen ist Rebecca During (32 Jahre jung). „Wir sind schon in der 3. Generation Fleischer, die Familie meines Mannes sogar schon seit sechs. Diese Filiale existiert als Fleischerei schon ewig und drei Tage. Und seit dieser Zeit kann man hier auch Frischzubereitetes direkt verzehren.“
Auf dem langen hellen Holztisch wird auch mal nachgewürzt, aber hier heißt das nicht Maggi, sondern Fleischerwürze, und die Essigflasche bezeugt eine der Hausspezialitäten, den Bethmannschen Linsentopf. Und die Speisenden sind nicht sehr erfreut, einen aus der Schreiberzunft zu sehen, denn dieses Hinterzimmer gilt als Geheimtip derer, die sich gern ungehemmter Fleischgenussessucht hingeben wollen. „Bei uns treffen sich alte Rentnerstammtische, aber auch Rechtsanwälte,“ berichtet Rebecca. „Die Rentner sterben zwar langsam weg, aber bei unseren leckeren Speisen erst im hohen Alter“, ergänzt sie lachend. „Und die Herren Rechtsanwälte haben bei einem Zwiebelschnitzel schon so manchen Fall zu den Akten gelegt.“
Eine weitere Spezialität des Hauses ist die weihnachtliche Gänsebrust, die noch nach alten Rezepten erstellt wird. „Die würde ich auch gerne mal probieren,“ sagt Christian, ein Student, der gerade den Nachschlag der Linsensuppe in sich hineinschaufelt. „Ich komme öfter hierher, denn zeig mir mal einen Ort in Braunschweig, wo man abwechslungsreiches deutsches Essen noch unter sieben Mark angeboten bekommt...“
text: alexander wallasch foto: constantin harazim
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