Interview mit Terry Gilliam zur Monty Python-Reunion und „Fear and Loathing“
Mit der britischen Komikertruppe „Monty Python“ hat Terry Gilliam einst seine anarchistischen Späße im „Leben des Brian“ und als „Ritter der Kokosnuß“ getrieben. Dann folgten die Fantasy-Spektakel „Time Bandits“ und „Brazil“ - beim Streit um Kürzungen seines Kultfilms lehrte er die Universal-Studios das Fürchten. Mit dem 40 Millionen Dollar teuren „Baron Münchhausen“, zeigte der Komiker, daß Lügen teure Beine haben können. Dem Flop folgte der Erfolg mit der poetischen Großstadttragödie „König der Fischer“. Nach fünf Jahren Pause stürmte der US-Regisseur mit Bruce Willis und den „12 Monkeys“ aufs Neue die Kinocharts. Jetzt gibt sich Gilliam erneut risikobereit und verfilmt mit Johnny Depp „Fear and Loathing“ - den unverfilmbaren Drogenroman von Hunter S. Thompson. SUBWAY sprach mit Terry Gilliam.
SUBWAY: Macht der Drogenfilm „Fear and Loathing in Las Vegas“ mehr Spaß, wenn man nicht mehr ganz nüchtern ist?
„Kein Ahnung. Ich hoffe, daß man nicht bekifft sein muß, um Spaß zu haben. Schließlich vermarkte ich den Film als den billigsten Trip, der zu haben ist (lacht).“
Der Kultroman galt als unverfilmbar - hatten Sie keine Angst vor dem Risiko?
„Unsere größte Sorge war, ob es gelingen würde, den Geist des Romans auf die Leinwand zu bringen. Üblicherweise funktioniert Kino nach bestimmten dramaturgischen Regeln: es gibt eine geradlinige Geschichte, es gibt eine Dramaturgie - all diese Strukturen waren in dem Buch nicht zu finden. Wir haben uns davon nicht einschüchtern lassen. Wir haben den Roman einfach verfilmt und wenn daraus ein Hörspiel geworden wäre, dann hätten wir eben Pech gehabt.“
Wie war die Begegnung mit Thompson?
„Er ist ziemlich groß, und er ist all das, was man erwartet. Zugleich ist man immer wieder überrascht. Einmal war ich zum Abendessen in seinem Haus, als mir zum ersten mal auffiel, was für ein feinfühliger und freundlicher Mensch er ist. Diese Seite versteckt er gern hinter der Fassade der Wildheit. Sein Verstand ist messerscharf. Er hat seine Hand durchaus noch immer am Puls der Zeit.“
Wieso ist der Roman und damit der Film für heute noch wichtig?
„Weil Amerika in den letzten Jahrzehnten immer verrückter geworden ist. Es gibt zwar lautstarken Widerstand, aber das wirkt alles ziemlich oberflächlich. Die USA sind, wie es Hunter einmal ausgedrückt hat, zu einer Nation von panischen Schafen geworden, für die allein der Augenblick zählt. Geschichte ist pfui, hauptsache, es gibt immer wieder neue Produkte. Wir sind das beste Volk von Konsumenten. Und der Rest der Welt eifert diesem Modell nach. Das beunruhigt mich schon. Ich wünschte mir, daß es mehr Menschen gäbe, die auch einmal Fragen stellen.“
Sind solche Fragen Absichten bei Ihren Filmen?
„Ich finde es toll, wenn das Publikum aus dem Kino kommt und sich erst erholen muß, von dem, was wir ihm angetan haben. Dieses Ziel ist mir viel wichtiger als pure Popcorn-Unterhaltung. Das mag riskant sein, aber ich jongliere lieber mit Kettensägen als mit Äpfeln. Nach „König der Fischer“ ist eine New Yorkerin stundenlang verwirrt durch die Stadt geirrt, nach „Brazil“ hat sich ein Anwalt drei Tage in seinem Büro verbarrikadiert - das sind für mich Erfolge, die wichtig sind. Lieber berühre ich einige wenige Zuschauer ganz intensiv, als ein Masse nur ganz oberflächlich.“
Ihre Filme strotzen vor Einfällen. Woher kommen Ihre Ideen wie der Teppich, aus dem das Muster leibhaftig emporsteigt?
„Die Szene, in der aus dem Teppich Kreaturen wachsen, ist mir selbst so passiert. Ganz nüchtern. Die Atmosphäre von Las Vegas zwingt einen regelrecht zu Halluzinationen. Ich nehme keine Drogen und ich trinke auch nicht. Ich habe nie so ganz verstanden, warum die Leute das machen. Was sie mir dabei als Effekte beschreiben, das sehe ich eigentlich die ganze Zeit. Mir gefällt es, mit meiner Vorstellungskraft zu spielen und mir Sachen auszudenken, die viel surrealer sind als die Wirklichkeit. Das hat mir mein Kunstlehrer am College beigebracht: Begnüge dich nie mit der Oberfläche eines Objekts, sondern mach’ mit deiner Phantasie mehr daraus.“
Was macht Ihnen beim Filmemachen eigentlich am meisten Spaß?
„Für mich ist das Filmemachen wie ein Krieg. Ein kompletter Alptraum, der einen frustriert und irgendwie auffrißt. Aber danach fühle ich mich jedesmal ziemlich gut, weil ich wieder eine große Schlacht überlebt habe.“
Einmal mehr war von einer Wiederaufstehung der Monty Python zu lesen, alles Gerüchte?
„Das ist das ewige Gerücht, damit wir nach wie vor in den Medien bleiben. Wenn man in der Klatschpresse ist, weiß man wenigstens, daß man noch existiert. Es gibt Gespräche. Geplant ist eine Bühnen-show, wie früher. Aber ich weiß ehrlich nicht, was daraus werden wird.“