Derrick G E S E L L S C H A F T









Tränensack ade!

Derrick löst am 18. September 1998 nach 281 Folgen seinen allerletzten Mordfall

Es gibt kaum eine TV-Krimiserie, die verehrt und gleichermaßen belächelt wird wie Derrick. Grundsolide inszeniert aber meist furchtbar schlecht gespielt und antiquiert besitzt sie dennoch ihre eigenen Rituale und eine ganz besondere Ästhetik. Egal auf welchem Sender die Folgen laufen, eine Einstellung genügt, und man weiß, daß die Fernbedienung beim bekanntesten deutschen Oberinspektor gelandet ist. Derrick ist in der heutigen Zeit ein Anachronismus: wenig Blut, biedere Moral, null Action, lange Einstellungen, scheinbar gegen alle modischen Strömungen resistent. Vielleicht liegt es daran, daß die Serie ein Produkt alter Männer ist. Horst Tappert alias Derrick ist kürzlich 75 geworden, Produzent Helmut Ringelmann ist 72 und Drehbuchautor Herbert Reinecker gar 84 Jahre alt. Die Einschaltquoten der Serie nehmen zwar schleichend ab, dennoch liegen sie noch bei ungefähr zehn Millionen Zuschauern im Schnitt - fast 70% sind davon jedoch über 50 Jahre alt. Bei den Jugendlichen liegt der Krimisuperstarstatus von Derrick allenfalls im staubigen, aber unvergänglichem Old School-Spirit begründet. Der Satz „Harry, hol schon mal den Wagen“ ist bei ihnen zum „geflügelten Spruch“ geworden. Vielleicht erklärt sich der langjährige Erfolg aber einfach über die Durchschnittlichkeit der Serie. Das bedeutet, in einem austauschbaren Dekor und banalen Situationen allen gerecht zu werden. Der tapprige Derrick bringt dabei Verständnis für Täter und Opfer auf, nimmt deren Probleme ernst und versucht bis in den hintersten Winkel ihrer Seelen zu blicken. Wenn er nicht gerade in seinem 730er BMW (konstantes Product-Placement) sitzt, oder mit erhobenem Zeigefinger Verdächtige verhört, hockt er in seinem immer gleich gebliebenen (noch nie gestrichenem) Büro vor dem notorisch klingelnden Fernsprecher und zieht ab und zu seine große Denkerstirn in tiefe Falten. Noch einige in andächtiger Penetranz aufgesagte Dialogstereotypen mit Assistent Fritz Wepper alias Harry Klein, einige ermüdende spannungsarme Verhöre, und schon ist der Fall in der Manier eines Kammerspiels gelöst. Böse Zungen behaupten, daß Autor Herbert Reinecker für ein einziges Skript bislang 281mal Honorare kassierte.

Am 18. September lösen Stephan Derrick und Harry Klein nun ihren letzten Mordfall mit dem Titel „Abschiedsgeschenk“. Damit wird nach fast genau 24 Jahren die Kriminalreihe endgültig eingestellt. Dann heißt es endlich Abschiednehmen von einem Kommissar, der trotz seiner 281 Fälle (nur zwei blieben bislang ungelöst) nie befördert wurde - ansonsten wäre er jetzt wahrscheinlich Polizeipräsident. Seit seinem ersten Fall mit dem Titel „Waldweg“ hat die Serie eine unschlagbare Publikumsresonanz erfahren. In 94 Länder wurde die Verbrecherreihe verkauft und ist somit die meistverkaufte deutsche Fernsehproduktion (die abgesehen von den USA und Grönland praktisch überall auf der Erde zu sehen ist). Derrick alias Horst Tappert ist damit nicht nur der bekannteste Deutsche weltweit, er hat auch das Bild unseres Landes im Ausland maßgeblich geprägt. Denn wenn uns weltweit Tugenden wie Disziplin und Pflichtgefühl, aber auch Menschlichkeit und Mitgefühl anhaften, dann ist dies nicht zuletzt die Nachwirkung regelmäßigen Derrick-Konsums. „Vielleicht hat auch der international verständliche Name des Oberinspektors den Durchbruch im Ausland befördert“, vermutete die taz. „Denn Derrick bedeutet im Englischen wie im Französischen Bohrturm: Die Analogie zum Fels in der Brandung (des Bösen), zum Turm in der Schlacht (gegen das Verbrechen) ist augenfällig.“

Horst Tappert wurde am 26. Mai 1923 als Sohn eines Beamten in Wuppertal geboren, ging zur Hauptschule und absolvierte eine kaufmännische Lehre. Im August 1945 wollte sich Tappert am Theater in Stendal als Buchhalter vorstellen. Statt auf den kaufmännischen traf er auf den künstlerischen Direktor, der ihn fragte: „Warum wollen sie nicht Schauspieler werden, einen Charakterkopf besitzen sie auf jeden Fall schon einmal.“ Darauf wußte, der in der Serie sonst so clevere Horst, damals keine Antwort, und kurz darauf fand er sich in der Rolle des Dr. Stibel in dem Streifen „Die Flitterwochen“ wieder. Von nun an nahm seine Schauspielerkarriere, sowie seine Tränensäcke an Gewicht zu. Tappert wirkte in etlichen Edgar Wallace- und Jerry Cotton-Filmen mit, seinen Durchbruch hatte er mit dem dreiteiligen TV-Film „Die Gentlemen bitten zur Kasse“. Danach kam Derrick, der ihm, wie er selber 1995 sagte, einen stetigen Tagesrhythmus einbrachte: „Nach der Arbeit komme ich nach Hause, begrüße im Wohnzimmer meine Frau, ziehe mich aus, stelle mich unter die Dusche esse eine Kleinigkeit, schaue die Nachrichten, lege mich schlafen und ruhe mich aus für den nächsten Tag.“ Wie Derrick ist Horst Tappert ein Misanthrop, der an der Unzulänglichkeit der Menschen offenbar persönlich leidet. Auf die Frage, in welcher Epoche er am liebsten leben würde, antwortete er einmal: „In der Epoche, in der es noch keine Menschen gab auf der Erde. Es muß das Paradies gewesen sein.“ Oder ein andermal was von ihm bliebe, wenn er tot sei erwiderte er besonders schön: „Asche, üble Nachreden, Wiederholungen im TV.“ Tja, damit muß er wohl leben. Genauso wie mit den zahlreichen in- und ausländischen Preisen, die er für seine Derrick-Rolle bis dato erhalten hat. Dazu gehören u.a. der Goldene Bambi (1979), die Goldene Kamera (1981), der Telegatto (1986 ital. TV Preis) und das Bundesverdienstkreuz (1988). 1980 wurde er ehrenhalber sogar zum Kriminalkommissar ernannt. Die Ausstiegsfolge am 18. September, soll für ihn kein tragischer Abschied sondern ein freudiges Ableben werden, auch wenn sich Tapperts Traum, „das einmal mein Lieblingskommissar Columbo in Derrick auftauchen würde“, nie erfüllt hat. Eine Fortsetzung ohne ihn ist jedenfalls ausgeschlossen. Horst Tappert sagt selber: „Einmal muß genug sein! Ich habe mich dieser Serie verschrieben, nichts anderes getan als das. Ich habe das Gefühl, ich müßte mehr Raum und Luft um mich herum haben. Frei sein für Entschlüsse, Drehbücher lesen, ja dazu oder auch nein dazu sagen können. Das ist ein Gefühl, daß ich früher hatte vor Derrick. Jetzt innerhalb dieser Serie ist es nicht ökonomisch und auch falsch, so etwas zu tun.“ Recht hat er und von hier aus: „Tschüß und alles gute Hotte!

Text: Christian Göttner, Björn Matthias
Foto: ZDF