Helge Schneider - Februar 1997 - SUBWAY Stadtmagazin Braunschweig
L E I N W A N D
Helge hält die Welt in Atem
Helge Schneiders neuer Film: „Praxis Dr. Hasenbein“
Jeder, wirklich jeder dürfte ihn kennen. Warum dann noch über Helge Schneider schreiben? Zunächst, weil er auf dem Titelbild ist. Das liegt wiederum daran, daß sein neuer Film in die Kinos kommt.
Bei der Pressevorführung zum Jahresbeginn in einer der weitläufigen Hallen des Kölner Multiplex-Kinos „Cinedom“ beehrte der Künstler die geladene Journaille mit seiner Anwesenheit. Das intensive Interesse von Kameramännern und Fotografen an seiner Physiognomie und der vielköpfigen Schar an Redakteuren an ulkigen O-Tönen schien Schneider weder besonders zu stören noch zu beeindrucken. Im übrigen erweckte der Mühlheimer Musikclown den Eindruck, daß er vor allem gekommen sei, um sich sein neues Leinwandepos anzusehen, das er nach eigenen Angaben erst ein einziges Mal, nämlich am Schneidetisch, gesehen habe. Diese Erklärung gewann an Glaubhaftigkeit, als er nach einer guten Dreiviertelstunde noch einmal zurückspulen ließ - ein nur sehr sensible Musikerohren quälendes Brummen hatte die Tonqualität beeinträchtigt. „Das stört doch den subjektiven Eindruck.“ Nachdem zunächst den zahlreich vorhandenen Mobilfunktelefonen die Schuld gegeben wurde und der nicht aus der Ruhe zu bringende Popstar bereits eine Diashow angedroht hatte, wird einfach der Saal gewechselt, und „Praxis Dr. Hasenbein“ begann von vorn. Der Hauptdarsteller und (erstmals) verantwortliche Regisseur riet dazu, beim zweiten Durchlauf „auf Details zu achten“.
Zu den schon auf den ersten Blick bemerkbaren Raffinessen gehört, daß „Peterchen“, einziger Sohn des alleinerziehenden Allgemeinmediziners Angelika „Helge“ Hasenbein, von dem gut 50jährigen wohlbeleibten Peter Berling gespielt wird. Daß er einen Sohn, aber keine Frau, die dessen Mutter sein könnte, zu seiner Familie zählen darf, bleibt dem Doktor selbst ein Rätsel. Dieses Problem beschäftigt den Arzt (nebst dem Inhalt von Herren-Überraschungstüten und dem Preis von kleinen Notizblocks) auch beim stündlichen Plausch mit dem Zeitungsmann von gegenüber (Horst Mendroch). Die eher nach atmosphärischen als übertrieben realistischen Maßstäben gestaltete Filmkulisse beherbergt darüber hinaus noch eine Pommesbude, einen Schneider (Norbert Losch), einen Käsehändler (Werner Abrolat), eine Kneipe und was man sonst noch in einer Ruhrpott-Idylle erwartet. Dort nicht unbedingt vermuten würde man ein Waisenhaus wie das von Tante Uschi (ein weiteres Mal in Damenkleidern: Andreas Kunze), zu deren Schützlingen die kleine Annegreth (begabt: Carina Bers) und die Bande von Carlos gehört. Carlos wird von Carlos Boes gespielt, wie Peter Thoms (als „Bucklige Alte“) ein Mitglied von Schneiders Band, deren schauspielerische Leistungen ihre ungeschliffene Natürlichkeit nicht verleugnen. Herausragend in der Nebenrolle der Sprechstundenhilfe reüssiert Bernhard „Zwiebel“ Sondermann.
Um es kurz zu machen, der zentrale Handlungsstrang in einem Satz: Weil Carlos und seine Spießgesellen den Doktor einst mit einer leeren Schachtel zum besten hielten, trampelt Hasenbein versehentlich den Hamster Hermi platt, was die Waisenhauskinder veranlaßt, während des Arztes nächtlicher Joggingrunde Peterchens Ball zu zerstechen und das Klavier, auf dem „Helge“ Hasenbein auf Tante Uschis Geburtstag spielen soll, mit Rasierklingen zu präparieren, also den aufopferungsvollen Mediziner dermaßen mit ihrer Boshaftigkeit zu verfolgen, daß er beinahe dankbar folgt, als das Vaterland alle Ärzte zu den Waffen ruft, so daß er nach dreißig Jahren U-Boot-Krieg seinen einst infantilen Sohn als Familienvater (verheiratet mit der zur Frau gereiften Annegreth, eine erste Rolle für „die bekannte Schauspielerin Andrea V.“, die nebenbei Schneiders Gattin ist) und sein heimatliches Viertel komplett verändert vorfindet.
„...Schneider behandelt seinen Stoff mit der frappanten Plausibilität, die man von guten Filmen kennt. Die Figuren sind genau gezeichnet, die Schauplätze kalkuliert gewählt, und die Geschichte hat DRIVE...“ lautet die im rezensentenfreundlichen Pressezettel (vom Regisseur?) vorformulierte (Selbst-)Kritik. Ausnahmsweise kann man da mal abschreiben und sich fremder Autorität versichern. Zumal da für den Autor der vorliegenden Besprechung (das bin ich) Helge Schneider tatsächlich eine Neuentdeckung ist. Das mag verwundern, aber es ist doch so: Der übertriebene „Kult“, den Legionen von teils unsympathischsten Zeitgenossen um den eigentlich unspektakulären Humor von Helge Schneider veranstalten, verwandelte den 41jährigen Jazzmusiker in eine Art Blues Brothers-Phänomen. Obwohl eigentlich gut, mußte einem doch das Schmunzeln angesichts einer inflationären Verbreitung (zugegebenermaßen auch auf den Seiten von SUBWAY) und Allgegenwart des Schneiderschen Wirkens vergehen. Mit Elitärismus hat das nichts zu tun. Eher damit, daß ein Witz, der tausendmal erzählt wird bzw. von dem einem immer wieder versichert wird, daß er gut ist, sich zum Comedy-Terror auswächst.
Aber Schwamm drüber, will sagen: Für sich genommen ist der Mann gut. Wie man feststellen durfte, besonders auf Live-CD und, wie sich bei der Begutachtung von „Praxis Dr. Hasenbein“ zeigt, auch auf Leinwand. Die vermurkste ruhrpöttische Nonsens-Plauderei in der Tradition des grandiosen Jürgen von Manger („Tegtmeier“) ist wirklich witzig. Und die Stimmung der beschaulichen Nachbarschaft von Dr. Hasenbein, in der man seinem Tagewerk bei klimpernder Jazzbegleitung nachgeht, erinnert positiv an Filme des genialen Jacques Tati („Mon Oncle“). Alles vollzieht sich unangestrengt und wie improvisiert. Man darf es ernst nehmen, wenn Helge Schneider verlauten läßt, daß es ihm „Hauptsache“ sei, „daß mir die Filmmusik viel Spaß gemacht hat. Danach kann jeder tanzen.“ Überhaupt gewinnt man bei allem, was Schneider treibt, den Eindruck, daß es nur Vorwand ist, um seiner bemerkenswert virtuos betriebenen Jazzleidenschaft zu frönen, ohne sich zwanghafter Perfektion befleißigen zu müssen, und dabei noch eine Menge Kohle zu verdienen. Aber wem sag ich das, eigentlich müßte jeder von Helge Schneider schon genug gelesen haben. Darum zuletzt nur noch ein Statement von ihm selbst zu seinem neuesten Werk: „Muß ich erwähnen, daß dieser Film ein Meisterwerk sein muß, denn sonst wäre der Film nicht so gut?“